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Obstverladung

Obstverladung
Obstverladung
 
Werdersches Obst soll bereits Ende des 17. Jahrhunderts auf dem Wasserweg nach Berlin transportiert worden sein.

Früher fuhr man die Ernten in Geschwadern von 20 Segel- und Ruderbooten, genannt Schuten, gerudert von je 20 Frauen bzw. Mädchen pro Schute nach Berlin.

Streckenweise wurden die Kähne gegen den Strom getreidelt, d. h., dass die Frauen oft stundenlang im taunassen Gras die Kähne vom Ufer aus ziehen mussten.

Für Reiseutensilien wie Strickstrumpf, Lebensmittel und Kaffeekanne besaß jede Frau einen Holzkoffer.

Die Schiffskajüte war klein und bot nur wenigen Frauen die Möglichkeit, während der Nachtstunden ein wenig zu schlafen.

Die damalige Tracht der Frauen machte sie im Bild der Großstadt schon von weitem kenntlich: Ein einfaches, dunkles, bedrucktes Kattunkleid, ein helleres Brusttuch, blaue oder schwarze wollene Strümpfe und lederne Pantoffeln sowie ein ganz merkwürdiger Hut, „Krähe" oder auch „Schute" genannt, aus schwarzem, glänzendem Leder gefertigt. Warm genug wird es unter diesem schwarzen Ungetüm wohl gewesen sein. Alles war einfach, aber sauber.

Auf jeden Fall fehlte es um 1850 nicht an Versuchen, das Obst auf ökonomischeren Wegen nach Berlin zu transportieren. Als Erster ließ der Brauereibesitzer F. W. Hoffmann 1851 ein Dampfschiff bauen, welches er auf den Namen seiner Frau „Marie-Luise" taufte. Die Werderaner, nicht faul, fanden dafür auch im Volksmund die passende Bezeichnung. So wurde das Schiff nur „Saure Gurke" genannt. Dieses Schiff war aufgrund von Baufehlern nicht bewegungsfähig genug. Es musste bald wieder außer Dienst gestellt werden.

Ein zweiter Versuch durch die Werderaner Gebrüder Behne gelang jedoch besser. Ihr Dampfer „Schwalbe" eröffnete um 1855 dann die „Obst-Handelslinie" Werder-Berlin. Inzwischen hatten die Obstbauern eine Genossenschaft gegründet. Diese legte sich 1861 ebenfalls einen eigenen Dampfer zu mit dem Namen „König Wilhelm I". Eine zentrale Obstverfrachtung brachte von nun an täglich zweimal ein lebhaftes Treiben auf die Inselstadt. Am frühen Nachmittag kam das Schiff aus Berlin zurück und einige Stunden später fuhr es mit dem beladenen Schleppkahn voller Tienen wieder ab. Ankunft und Abfahrt wurden vorher durch einen Böllerschuss bekanntgegen und in Werder hieß es dann stolz „Unser Schepp schitt". Wenn der Dampfer am Nachmittag zurückkam, versuchte jeder Obstbauer, möglichst schnell seine Tienen zurückzubekommen. Dies wurde dadurch erleichtert, dass alle Tienen durch eingekerbte Namen und bunt bemalte Ränder gekennzeichnet waren. Das Einladen und Aufstapeln der vollen Tienen am Abend ging naturgemäß langsamer, aber trotzdem nach strengster Ordnung vonstatten. Die ankommenden Obstbauern mussten sich in einer Reihe aufstellen und bildeten so eine lange Kette am Inselufer.
 
Die Art des Obsttransportes vom Land zum Verladeplatz veränderte sich ebenfalls im Verlaufe des 19. Jahrhunderts. Während man sich zunächst der Schubkarren bediente, wurden diese nach und nach durch Handwagen und starke Hundegespanne abgelöst. Schließlich waren es gegen Ende des 19. Jahrhunderts meist Esel oder Pferde, die die Obstkarren zogen. Die Übergabe des Obstes an die Zwischenhändler in Berlin erfolgte weiterhin durch die Frauen der Obstbauern, die bei jeder Dampferfahrt mitfuhren. Sie waren nur kurze Zeit - am Nachmittag - zu Hause, wo dann für die Familie gekocht werden musste. Gegen Abend ging es dann wieder nach Berlin.

Ingeborg Lauwaßer
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