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Ansichtskarten - Die Werderschen

Ansichtskarten - Die Werderschen
Die einzige Inselstadt im Brandenburger Land erstreckt sich entlang des Ostufers der hier seenartig erweiterten Havel vom Schwielowsee, dem Glindowsee, dem Plessower See und dem großen Zernsee, durchzogen von einer Hügelkette mit faszinierenden Ausblicken.

Ob Werder, Werheder Städtlein oder Städtchen Werder - es gab viele Namen: die Inselstadt hatte doch eines immer zu bieten: eine spannende Geschichte. Die erste urkundliche Erwähnung geht auf das Jahr 920 nach Christi zurück, als sich die Avaren mit den Wenden heftige Kämpfe um die Insel lieferten.


Das Mittelalter prägte gerade das Bild der Inselmitte, bei dem sich ein gitterförmig angelegtes Straßennetz um den weiträumigen Marktplatz rankt. Fast schon in Vergessenheit geraten ist der Fakt, dass sich am westlichen Teil des Marktes offenbar ein mittelalterliches Rathaus mit Glockenturm befand, das nach erheblichen Beschädigungen zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, letztlich im Jahr 1772 abgerissen wurde. Immer mehr Menschen zog es auf die Insel. Kein Wunder also, dass beide ursprünglichen Siedlungsgebiete zusammenwuchsen, neue Straßenzeilen entstanden oder vorhandene Straßen wie die Ufer-, Fischer- oder Pfarrgartenstraße einfach verlängert wurden.

Im Jahr 1317 wurde Werder an das Zisterzienserkloster Lehnin verkauft; damit beendete der schon als oppidum (Städtlein) bezeichnete Ort seinen Status als ritterlicher Privatbesitz. Gut für Werder, wussten doch die Mönche offenbar schon immer einen guten Tropfen zu schätzen und trieben den Weinanbau und so die wirtschaftliche Entwicklung der Region voran. Und dies bis zum Jahre 1542, als Werder im Rahmen der Reformation seine Stadtrechte erhielt. 1545 suchte ein verheerender Stadtbrand die Insel heim.

Weitere Dokumente aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeigen, dass Werder nicht nur ein kleines, sondern auch ein recht ärmliches Dorf war. Daran dürfte sich auch nicht viel geändert haben, als um die Mitte des 16. Jahrhunderts die Zahl der Einwohner wuchs und neben dem Fischereigewerbe der Obstanbau und die Bestellung der Landwirtschaft Einzug hielten. Bis 1782 blieb Werder dem Domänenamt Lehnin untergeordnet.

Der älteste, vermutlich slawische Siedlungskern liegt auf der Südhälfte der Insel, auf der ältesten kartographischen Darstellung aus dem Jahr 1683 als Rundsiedlung unterhalb des Kirch- bzw. Mühlenberges, in Höhe der heutigen Fischerstraße, erkennbar.

Die Insel gab den Bewohnern Schutz vor Angreifern und Plünderern. Die Wenden betrieben Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und gingen zur Jagd. Ihre Behausungen waren aus Holz und Lehm, nach einfachster Bauweise. Ihr Volk unterschied sich in Edle und Unedle. Die Adligen wählten aus ihrem Kreis einen Pan (=  Herr) zu ihrem Anführer. Ihre Religion war heidnisch und bestand aus der Verehrung vieler Götter.

Sie lebten in Einigkeit, Diebstahl war ein unbekanntes Laster. Ihre Wohnungen, Kisten oder Kasten besaßen weder Schloss noch Riegel.

Die Verbreitung der christlichen Religion durch Bischof Otto II. auf dem Lande und in den Städten ging mit Feuer und Schwert und der Unterdrückung ihrer Glaubensfreiheit einher. Otto benötigte mit seiner neuen Religion zur Handhabung der Gerechtigkeit Galgen, Rad, Feuer und Schwert.

Unaufhörliche Kriege zogen den Umsturz des Wendischen Volkes nach sich. Aufgerieben, in alle Winde verstreut, mussten die Zurückbleibenden den christlichen Glauben annehmen. Die Alten starben aus und ihre Kinder wuchsen mit dem christlichen Glauben auf.
 
Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wohnten 1.000 Werderaner in 176 damals üblichen Lehmfachwerkhäusern. Und so waren es im Jahre 1784 genau 40 Branntweinbrenner, 39 Fischer, 21 Brauer, 30 Weinmeister, 11 Leinenweber und 2 Schiffbauer, die eindrucksvolles Zeugnis von den Vorlieben der Werderaner einerseits und den regionalen Vorteilen andererseits ablegten. Zunehmend verlagerte sich der noch eher im kleinen Rahmen betriebene Obstanbau von der Insel auf das Festland. So wurde zwischen den Weinreben Obst angebaut, da Missernten (beim Wein) wirtschaftliche Auswege nötig machten. Das Obst wurde Werders Markenzeichen und findet Ausdruck in dem legendären Baumblütenfest, das alljährlich Ende April / Anfang Mai stattfindet.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ging Werder einer neuen Entwicklung entgegen. Die Gärtnerzunft begann die Fischer aus dem Felde zu schlagen. Werder eine Garteninsel, der Obstanbau und -verkauf wurde zum Markenzeichen, die Obstverladung nach Berlin zum einträglichen Geschäft der kommenden Jahre.

Den wahrscheinlich von den Wenden abstammenden Einwohnern der Insel schreibt man verschiedene Tugenden wie Laster zu. Aufgefundene Nachrichten aus verschiedenen Jahrhunderten schildern uns die Bewohner der Insel als einen Menschenschlag, der sich durch Sitten und Gebräuche von den übrigen Landesbewohnern unterschied und bei denen mit dem Faustrecht so mancher Streit ausgefochten wurde.

Stadtrichter Irmisch hat einst seine Einschätzung um 1620 oder 1630 über die Werderschen mit folgender Beschreibung der Nachwelt hinterlassen:

„Die Insel Werder heißt im gemeinen Sprachgebrauch die Insel der Einigkeit, sie könnte aber die Insel der Uneinigkeit genannt werden, denn die Unverträglichkeit der Menschen untereinander ist so eingerissen, dass kein Ermahnen und Züchtigen helfen will. Auch gilt zu viel das Faustrecht - denn jeder Streit wird damit abgetan und es endet gewöhnlich mit blutigen Köpfen. Die Menschen sind im Umgange miteinander wenig geschickt, gar nicht aufgelegt, vertrauliche Freundschaften zu unterhalten. Geheimnisse können sie nicht bewahren. Im Versprechen sind sie geschwind, aber langsam, wenn es auf Erfüllung der gegebenen Zusagen ankommt. Vor den Augen stellen sie sich sehr treuherzig, hinterm Rücken sind sie hinterlistig und falsch. Von außen glänzen sie zwar, aber von innen sind sie reißende Wölfe. Sie sind sehr abergläubisch, glauben Phantomen und Hirngespinsten und sind im Gespenstersehen besonders erfahren, gegen die Obrigkeit tückisch, widerspenstig und halsstarrig. Gegen die Prediger bezeugen sie viel Ehrfurcht. Zum Betrug haben sie eine Neigung, führen solchen aber im Verborgenen aus und sind bereit, falsch zu schwören, wofür sie wiederum fleißig zur Kommunion gehen. Arbeitsamkeit, kümmerliches und sparsames Leben ist ihnen nicht abzusprechen. Sie hassen alle Fremden die sich unter ihnen niederlassen und versuchen gerne, sie zu verdrängen, haben eine Kauderwelsche Sprache*, üble Kinderzucht, schlechte Sitten halten nicht viel auf Künste und Wissenschaften, werden selten krank und bei ihrer Lebensart sehr alt."

Die besondere Lage der Insel hielt so manches Nachteilige von außen fern, selbst der „Schwarze Tod" fand wohl keinen Kahn, um vom Festland zur Insel überzusetzen. Dieses Abgeschlossensein führte dazu, dass die Menschen in sich gekehrt und selbstsüchtig wurden. Es ist wohl wahr, Fremde duldeten sie nicht gerne unter sich. Durch wechselseitige Verbindungen untereinander versuchten sie, die Bande der Verwandtschaft zu vermehren und zu festigen. Fast alle Bewohner der Insel waren verwandtschaftlich verbunden. Einige Familien waren besonders zahlreich und ihre Namen zeugen bis in heutige Zeit von ihrer Abstammung.

Die Sprache der Einwohner unterschied sich durch ihre besondere Aussprache von der Sprache der Nachbarn. Es wurde meistens plattdeutsch gesprochen und man bediente sich in vielen Wörtern der Vokale „u" und „a", welche kurz ausgesprochen wurden, z. B. „buaden" statt „baden", „dua" für „da", „Guarden" für „Garten", „luaten" statt „saßen"; so sagten die Fischer, welche ihre Fische nicht gern im Ort, sondern lieber nach Potsdam durch ihre Weiber zum Verkauf tragen ließen „ick luate ju kene Fische", „muacken" statt „machen", „Nuaber" statt „Nachbar", „Schuaden" statt „Schaden", „Struate" statt „Straße", „Buader" statt „Vater", „Wuahrigheit" statt „Wahrheit" u. v. m.

Das Leben der Menschen spielte sich noch auf der Insel ab; nur vor der Inselstadt, in der Nähe des Galgens auf einsamer Flur, gab es bereits 1610 schon ein Gehöft. In dessen Mauern lebte und arbeitete der Scharfrichter.

Die Arbeit des Scharfrichters beinhaltete auch die Abdeckerei, war es doch zu diesen Zeiten üblich, verendetes Vieh am Wegesrand oder auf dem Acker liegen zu lassen. Diesem Umstand wurde Abhilfe geschaffen, indem der Scharfrichter neben seiner „scharf richtenden" Tätigkeit die Umgebung von verendetem Vieh zu säubern hatte. Die Abdeckerei wurde zu seiner wichtigsten Einnahmequelle. Ein kurfürstliches Privileg verpflichtete alle Bürger der Stadt, verstorbenes Vieh sofort zu melden und durch die Knechte des Scharfrichters abholen zu lassen. Freilich war die Abdeckerei, die Verarbeitung der Kadaverreste, ein schmutziges und stinkendes Geschäft. Der Scharfrichter und seine Knechte zählten zu den Randgruppen der Gesellschaft. Verwandtschaftliche Verbindungen wurden meist untereinander geknüpft. Trotzdem fand er auch in seinem Beruf als Scharfrichter seine Tätigkeit und so wurde auf dem Galgenberg so mach ein Mensch seiner Strafe zugeführt und gerichtet.

Werder gestaltete sich zu einer Welt für sich und, wie schon 1620 oder 1630 über die Werderschen geschrieben wurde, die Abgeschlossenheit schaffte keine Veränderung im Wesen dieser Menschen; 150 Jahre später bestätigte ein Geschichtsschreiber, was nun schon niedergeschrieben war. Welch eine Standfestigkeit durch die Jahre, kein Idealbild, aber Zeugnis tüchtiger Menschen bis auf den heutigen Tag.

Schon Ende des 17. Jahrhunderts fanden Soldaten unter König Friedrich Wilhelm I. Quartier in Werder. War die Hütte auch noch so klein, ein langer Kerl musste mit rein. Der Soldatenkönig verlegte 150 Männer seines Leibregiments nach Werder, altgediente Haudegen, die hier den Dienst bis zum Lebensabend verbrachten. Ein Gewinn für Werder, kurbelten die Soldaten durch den Kauf von Tabak, Bier oder Branntwein den sowieso kargen Umsatz der Händler an und so manches kleine Weibchen hatte hier auch einen Mann abbekommen.

Die Wohnhäuser aus Holz, Lehm und gestakten Wänden, die hölzernen Schornsteine von riesigem Umfang; die Giebel des Hauses waren derart angeordnet, dass immer ein Stockwerk über dem anderen hing.

In den großen Häusern, spielte sich das Leben meist in einem riesigen Raum ab, der bis zu dreißig Personen fassen konnte.

Das Straßensystem war nicht ausgebaut; ungepflastert war die Stadt im Frühjahr und Herbst bei Regenwetter unpassierbar. Der Verkehr ging von Haus zu Haus auf Stelzen oder es wurde mit Kähnen gefahren.

1736 erfuhr die Stadt einen Wandel. Im Spätsommer des Jahres erhielt das 3. Bataillon der Leibgarde von Friedrich Wilhelm I. den Befehl, zur Besichtigung nach Potsdam zu marschieren und das über Werder.

Die Brücke zu Werder war so hinfällig, dass sie unmöglich das Bataillon tragen konnte; ein Einrücken im Gänsemarsch - dieser Vorschlag war untragbar. So gab es nur einen Ausweg: eine neue Brücke, die König Friedrich Wilhelm I. mit Geldern aus eigener Tasche erbauen ließ. Die Brücke war da, aber in den Straßen der Stadt hatte sich nichts verändert. Ein Teil des Leibregiments war in Werder geblieben, und im Spätherbst erschien der König in Werder zur Besichtigung seines Regimentes. Regenwetter hatte die Straßen in ein morastiges Schlammbett verwandelt, die Kutsche des Königs blieb mitten auf dem Marktplatz im Morast stecken. Die Parade abzuhalten, war nicht möglich, der König reiste ungnädig wieder ab und so wurde angeordnet, Werder zu pflastern.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ging Werder einer neuen Entwicklung entgegen. Die Gärtnerzunft begann die Fischer aus dem Felde zu schlagen. Werder, eine Garteninsel; der Obstanbau und Verkauf wurde zum Markenzeichen, die Obstverladung nach Berlin zum einträglichen Geschäft der kommenden Jahre. Bis 1850 fuhren die Frauen in „Schuten" nach Berlin.

Das Brauerei- und Ziegelgewerbe, der wachsende Obstanbau und -verkauf brachte Aufschwung in den Frachtverkehr. Schuten allein genügten nicht mehr für den steigenden Transport von Waren und Gütern, die Eisenbahn als Transportmittel war auf dem Vormarsch. Es herrschten zu dieser Zeit in Werder allerdings bescheidene Verkehrsverhältnisse, der Transport per Eisenbahn steckte noch in seinen Anfängen.

Dann leitete der erste Dampfer, einen großen Havelkahn im Schlepptau, die neue Zeit der Werderaner ein.  Zu Wohlstand und Reichtum bringen es nur wenige Menschen. Ausfalljahre mit starken Frösten die alle Obstpflanzungen zerstören oder Ungeziefer, welches die Ernte zunichte macht, sorgten dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Ingeborg Lauwaßer 

Quellenverzeichnis:

Gustav A. Ritter „Deutschlands Wunderhorn, Geschichten, Legenden, Historien ...", Verlagsdruckerei „Merkur", Berlin (1905)
Lesebuch Brandenburg 1914
Deutsches Haushaltsbuch 1897
Friedrich Ludewig Schönemann, Chronik „Diplomatische und Topographische Geschichtsbeschreibung der Churmärkischen Mediat-Stadt Werder"
Theodor Fontane „Wanderungen durch die Mark Brandenburg", Bd. 3 „Havelland" (1873)
Eduard Zak „Land an der Havel", Sachsenverlag Dresden 1953


 
Ansichtskarten:
1000 Reichsmark Geldschein 1921
Dampferanlegestelle 01.05.1916
Mühlenstraße 24.06.1941
Eisenbahnstraße Restaurant Kärger 31.01.1916
Restaurant Puhlmann
Schuhladen 23.04.1927
Schule 25.04.1924
Straße Unter den Linden in Werder
Werder Blick von der Brücke
Werder Marktplatz
Werder Mühle 09.05.1918



 

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