Regionales

Zeitzeugen

ZeitzeugenAbschließend zum Projekt "Spurensicherung: 1945" die Publikation "Zeitzeugen".

Wie es konkret aussah, siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wissen diejenigen, die es miterlebt haben, und jeder von ihnen hat etwas anderes zu erzählen. Ein besonderer Glücksfall für die Spurensucher waren die Tagebuchauf-
zeichnungen von Kurt Ostwald, die wir für die Publikation verwenden durften.
Er schildert eindringlich die Hungerjahre um 1930 und die bedrückenden Verhältnisse in seiner Familie. Der Vater hatte die Familie verlassen, der Stiefvater erwies sich als Kleinkrimineller. Lebhaft erzählt Kurt Ostwald von den vielen Streichen während seiner Jugendzeit, aber auch von seiner Liebe zum Radsport und zum Rudern. Um dem familiären Milieu zu entfliehen, meldete er sich freiwillig zur Marine. Während des Krieges wurde er im Mittelmeer zwischen Italien, Tunesien und Griechenland als Schütze auf verschiedenen Transportschiffen eingesetzt. Am 16. Oktober 1943 geriet er in Gefangenschaft, aus der er erst vier Jahre später wieder freikam. Sein Weg als Kriegsgefangener führte ihn auf 32.275 Kilometern von Italien über Afrika in die USA und schließlich nach England. Sehr detailreich und spannend schildert er die Bedingungen in den verschiedenen Lagern sowie seine Erlebnisse im Guten wie im Schlechten. Es sind Jahre der Entbehrungen, aber auch der kleinen Freuden. Kraft gaben ihm der feste Glaube an einen Neubeginn in besseren sozialen Verhältnissen und die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben mit Inge Arnswald. So wird dieser Abschnitt seiner Biographie auch die Geschichte einer großen Liebe, einer Liebe, die bis heute andauert.

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Spurensicherung: 1945 ist ein Projekt zur Geschichts-erfahrung des 20. Jahrhunderts für Jugendliche in Kooperation mit den AWO Seniorenzentren „Wachtel-winkel" und „Schwalbenberg" sowie der Schule am Plessower See.

2015 wird in absehbarer Zeit das letzte Mal sein, dass der damaligen Ereignisse im Dialog mit Zeitzeugen gedacht werden kann. Deshalb initiiert im Juni 2014 der Museumsverband Brandenburg das Verbundprojekt „Spurensicherung: 1945".

Das Vorhaben will insbesondere Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Geschichte des Jahres 1945 „archäologisch" nahebringen. Dabei geht es um das Auffinden von Sachzeugnissen jener Zeit und die Recherche der Ereignisse und Erlebnisse, die deren Historie mit dem Schicksal ihrer Besitzer verbinden.



Gemeinsam, mit Schüler/innen und Lehrern der Schule am Plessower See, war ich auf Spurensuche. Zeitzeugen wurden befragt, Sachzeugnisse jener Zeit und Ereignisse und Erlebnisse, die deren Historie mit dem Schicksal ihrer Besitzer verbinden rechechiert. Die Jugendlichen wurden durch die  Nachforschungen zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Region angeregt und sind der Geschichte ihrer unmittelbaren Umgebung und den dort lebenden Menschen ein Stück näher gekommen.
                                                          Ingeborg Lauwaßer

Spuren

Jeder Einzelne von uns hinterlässt in seinem Leben eine große Anzahl von Spuren, welche sich als Alltags- und Gebrauchsgegenstände, als Kleidungsstücke und Sammlungen, als Texte und Fotos finden lassen. Alle Spuren verweisen auf eine bestimmte Zeit, Kultur und Gesellschaft. Diese Dinge sind für jeden mit ganz persönlichen Erlebnissen, Gefühlen und Erinnerungen verbunden. Es sind Spuren einer Zeit, einer Kultur, aber auch ganz persönlicher Ereignisse und Momente im Leben eines Menschen, Spuren einer Lebensgeschichte, die immer auch für einen Teil der Persönlichkeit stehen.

Als die nationalsozialistische Diktatur im Mai 1945 endete, kam Hoffnung auf, denn es war vorbei mit Strammstehen und Marschieren, Führerkult und Fahnenschwenken.

1945 - kein Jahr der jüngeren Geschichte hat sich dem Land Brandenburg so nachhaltig eingeschrieben wie dieses. Kaum eine Stadt, in der die Spuren des Krieges nicht noch immer wahrzunehmen sind. Aber auch in vielen Familien hat sich, so oder so, die Erinnerung daran erhalten. Es war ein „prekäres" Jahr, das sich in den Schicksalen und Erfahrungen, die es brachte, eindeutigen Zuschreibungen zu entziehen scheint.

Wenn 1945 für uns heute in erster Linie das Ende der NS-Diktatur bedeutet, was wir als Akt der Befreiung würdigen, so trifft dies keineswegs die Mehrheitswahrnehmung der Deutschen in jener Zeit.

Die Vielstimmigkeit der Erfahrungen macht dieses Jahr zu einem Präzedenzfall unvereinbarer Perspektiven: Sieger und Befreite, Flüchtlinge und Vertriebene, Heimkehrer, Inhaftierte der Speziallager, untergetauchte Nazis und Funktionäre des neuen Regimes, Neubauern oder Enteignete. Auch die historischen Darstellungen und Analysen dieser Zeit spiegeln nachhaltig die Situation wider.



Fakten

In den Morgenstunden des 1. September 1939 überfielen deutsche Soldaten Polen. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

1939 sah sich Hitler einer geschlossenen Front außenpolitischer Gegner gegenüber. Er wollte seine eigene machtpolitische Position stärken und seine Gegner schwächen.

Am 22. Mai 1939 wurde der so genannte „Stahlpakt" mit Italien geschlossen, am 23. August 1939 ein Nichtangriffs- und Freundschaftspakt mit der Sowjetunion.

Der Propaganda-Krieg gegen Polen wurde verstärkt, vermeintliche polnische Eroberungspläne des Deutschen Reiches wurden veröffentlicht, Übergriffe polnischer Soldaten auf das Reichsgebiet gemeldet. Dem Einmarsch deutscher Soldaten in Polen folgte am 3. September 1939 die Kriegserklärung der Westmächte an Deutschland.

Am 06. Oktober 1939 machte Hitler den Westmächten zum Schein ein Friedensangebot, wobei er gleichzeitig den Angriff auf die Niederlande, Belgien und Frankreich vorbereiten ließ.

Das Jahr 1940 war ein Jahr der „Siege":

Am 09. April 1940 wurde Dänemark besetzt, das sich kampflos ergab. An diesem Tag begann auch der Angriff auf Norwegen. Am 09. Juni 1940 kapitulierten die norwegischen Streitkräfte.

Luxemburg wurde überrannt und dem Gau „Moselland" eingegliedert.
 
15.

Mai

 1940:

die niederländische Armee kapitulierte

28.

Mai

 1940:

Belgien kapitulierte bedingungslos

10.

Juni

 1940:

Italien erklärte Frankreich und Großbritannien den Krieg

22.

Juni

 1940:

Unterzeichnung eines Waffenstillstandsvertrages in Frankreich

30.

April 

 1940:

das erste polnische Ghetto in Lodz wurde eingerichtet

 
Nachdem deutsche Truppen 1941 mit dem „Afrika-Korps" in den Krieg auf Cyrenaika eingegriffen hatten, nachdem Jugoslawien, Griechenland und die Mittelmeerinsel Kreta erobert waren, hatte Hitler den „Fall Barbarossa" befohlen: Am 22. Juni.1941 überfielen deutsche Soldaten ohne Kriegserklärung die Sowjetunion.

1941: die „Schlacht um Moskau" geht verloren. Als am 07. Dezember 1941 die Japaner Pearl Harbor angreifen und auch Italien und Deutschland den USA den Krieg erklären, hat in Russland die sowjetische Winteroffensive begonnen.

1942 sollte die Wende bringen, doch die Propagandafloskeln konnten nicht mehr vertuschen, was geschehen war; der Gegenangriff der Roten Armee hatte an allen Fronten zu schwersten Verlusten geführt.

19. November 1942: sowjetische Truppen traten zum Gegenangriff bei Stalingrad an.

Am 31. Januar und am 02. Februar 1943 kapitulierten die deutschen Truppen im Kessel von Stalingrad.

Seit dem Frühjahr 1943 wurden verstärkt deutsche Städte bombardiert.

Im Mai 1943 kapituliert die Heeresgruppe „Afrika".

1944 Hitler ernennt Joseph Göbbels zum „Sonderbevollmächtigten" für den totalen Kriegseinsatz.

Am 03. Januar 1944 steht die Rote Armee an der ehemaligen polnischen Ostgrenze. Am 22. Januar 1944 landen alliierte Truppen bei Anzio und Nettuno im Rücken der deutschen Front in Italien. Im Mai räumen die Deutschen die Krim, am 4. Juni Rom. Am 6. Juni landen die Alliierten in Frankreich und am 15. August an der französischen Mittelmeerküste, die Sowjets marschieren in Rumänien ein, Griechenland wird geräumt, Belgien erobert.

12. Februar 1945: Erlass der Parteikanzlei der NSDAP, deutsche Frauen und Mädchen wurden zum Eintritt in den sogenannten Volkssturm aufgerufen.

Am 05. März 1945 wird als letztes Aufgebot der Jahrgang 1929 zur Wehrmacht einberufen.

Am 18. April kapituliert Generalfeldmarschall Model, am 21. April löst er seine Heeresgruppe auf und begeht Selbstmord.

Am 25. April treffen amerikanische und sowjetrussische Truppen bei Torgau an der Elbe zusammen.

Am 30. April 1945 begehen Hitler, Goebbels und andere „Führer" des „Dritten Reiches" in Berlin Selbstmord.

Werder am Kriegsende 1945

Die Straßen waren leergefegt, die Bewohner wie vereinbart in den Häusern. An allen Fenstern flatterten Laken und Tischtücher, ein weißes Flaggenmeer. Die Kirchtürme, die Mühle, das Rathaus, die schmucken Bürgerhäuser waren unversehrt, als die Rote Armee mit Panzern, motorisierten Einheiten und pferdebespannten Panjewagen in Werder einmarschierte. Etwas Frieden in einem irrsinnigen Krieg. Die Stadt hatte sich kampflos gestellt.

Für die kampflose Übergabe Werders stehen die Namen zweier Ärzte: Erwin Velten und Johannes Bamberg. Der eine gab den Impuls, der andere ergriff die Gelegenheit - auf die als Dritter auch Bürgermeister Mertes gehofft hatte.

Die Stadt war Ende April weitgehend von Rotarmisten umstellt. Am 25. April hatten sich ukrainische und weißrussische Fronten in Ketzin vereinigt, der Ring um Berlin war geschlossen und zog sich immer enger. Am 26. April standen die Truppen vor dem Fliegerhorst am Nordrand Werders, am 27. April war Glindow besetzt. Am selben Tag fiel Potsdam.

Nur Werder wurde von den Rotarmisten vorerst in Ruhe gelassen, und von der anderen Frontseite ließ der Volkssturm auf sich warten.

Der einzig bekannte Einsatz: Werders Volkssturmleute sollen verhindert haben, dass eine Wehrmachtseinheit die Phöbener Autobahnbrücke sprengt - und dasselbe Schicksal erleidet wie die Baumgarten- und die Eisenbahnbrücke zur Stadt.

Der Bürgermeister hatte über die Kapitulation offenbar schon im Vorfeld bei mehreren Treffen mit einem Grüppchen Vertrauter beraten, darunter Dr. Johannes Bamberg.

Der Werderaner Allgemeinmediziner war im Rang eines Stabsoffiziers als Standortarzt für die 21 Kriegsgefangenenlager der Region und drei Lazarette der Stadt auf der Bismarckhöhe, in der Schule und in der Millionenvilla zuständig. Sie nahmen Verletzte von der Ostfront auf, die noch bis in die letzten Kriegstage eingeflogen wurden. Bamberg muss dafür gesorgt haben, dass Werder weithin als Lazarettstadt bekannt war.

 
                                          
„Diese Mitteilung gab ich an einen russischen Oberstleutnant weiter, der mit ca. 20 Mann mein in Wildpark-West liegendes Haus besetzt und einen Artilleriebeobachtungsstand auf meiner Terrasse angelegt hatte", wie es in einem KPD-Dokument heißt, in dem Velten im November 1945 die Ereignisse wiedergab. Die nach Werder gerichteten Geschütze hätten ihn veranlasst, dem Wunsch des russischen Stabes nachzukommen und eine Kapitulationsaufforderung nach Werder zu bringen. Anderenfalls würde in der Nacht zum 3. Mai der Beschuss beginnen. Veltens Frau und seine Tochter wurden als Geiseln genommen, er sollte in zwei Stunden aus Werder zurück sein. Die Zeit sollte nicht reichen.




Velten fuhr per Boot über die Havel, begab sich zum Hause Bambergs. Hausangestellte brachten ihn zum Lazarett in der Schule, wo er Bamberg traf. Er habe sich gleich hilfsbereit gezeigt, mit dem Auto sei man zum Kampfkommandanten gefahren, einem Major Meyer - ein bislang unbekannter Name aus jenen Tagen.

Meyer habe von „schwachen russischen Kräften" und der „idealen Verteidigungslage Werders" gesprochen. Bamberg wurde ungehalten, fragte, wie die Tausende deutschen Verwundeten abtransportiert werden sollen. „Dr. Bamberg hatte in dieser Debatte sehr laut gesprochen und einen sehr roten Kopf", berichtete Velten.

Major Meyer brach das Gespräch ab. Velten bat er nach Befragung zu den Russen, im Vorzimmer zu warten. Ein Volkssturmführer und vier Offiziere seien zu Bamberg und Meyer gestoßen, um sich zu beraten. „Anschließend erhielt ich einen geschlossenen Umschlag, um denselben dem russischen Kommandanten zu überbringen." Bamberg brachte seinen Kollegen zur Anlegestelle. Dreieinhalb Stunden waren um, als Erwin Velten zurück war. Die Russen warteten ungeduldig, das versiegelte Schreiben führte zur kampflosen Übergabe der Stadt.

Bamberg erklärte später, es allein unterzeichnet zu haben. Tatsächlich hatte er zeitweise die Führung übernommen, handelte die Übergabe aus und fuhr am 3. Mai 1945 mit seinem weiß beflaggten Auto vorneweg, als sowjetische Kolonnen von der Autobahn von Kemnitz aus in Werder einfuhren. Die Kommandantur wurde in der Eisenbahnstraße eingerichtet, wo heute die Volksbank ist. Als die Stadt am Abend desselben Tages offiziell übergeben wurde, war Bamberg wieder im Lazarett.

Velten ging mit seiner Familie einige Jahre später nach Westdeutschland, Bamberg kämpfte erfolglos gegen seine Enteignung. Er ließ viele Zeugen schriftlich seine Darstellungen über das Kriegsende und seine nachgeordnete Rolle in der Nazi-Ära bestätigen. Kurt Pape vom Heimatverein glaubt, dass dabei geschummelt wurde. Er hat den Mediziner als Kind noch kennengelernt, beschreibt ihn als netten, aber ruppigen Typ. Welche Rolle er in den zahlreichen Kriegsgefangenenlagern der Stadt gespielt hat, ist umstritten.

Dass Bamberg Gefangene misshandelt haben und Obersturmführer der SS gewesen sein soll, führte 1950, im Jahr nach seinem Tod, dazu dass der Gemeinderat die Enteignung der Erben bestätigte. Bamberg hatte den Vorwürfen bis zum Schluss widersprochen. Er beteuerte, in den Lagern für bessere Verpflegung und Hygiene gesorgt zu haben. Er erklärte, gezwungen worden zu sein, die örtliche SS-Einheit zu behandeln. In dieser Rolle sei er zum Untersturmführer bestimmt worden. Immerhin durfte er weiter praktizieren, behandelte auch Rotarmisten.

Belegt ist, dass Bamberg mit seinem Arztkollegen Velten und dem Bürgermeister Mertes für ein friedliches Kriegsende in Werder sorgte. ³

Johannes Bamberg rettete Werder mit vor der Zerstörung. Sein beteiligter Kollege Erwin Velten bezeugte es in einer schriftlichen Schilderung.


Quellen:
¹ Kriegstagebuch der Stützpunktkommandantur Belzig, S. 19, S. 26-28;
   Schwere Kämpfe in und um Treuenbrietzen, Passim, insbesondere S. 23f.
² KrA PM, 60.18/24 („Bescheinigung" für Ludwig Zimmermann).
  Der brandenburgische Landkreis, Zauch-Belzig 1945 bis 1952,
  zur Erlangung des Doktorgrades eingereicht am Fachbereich Geschichts- und
  Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin
  März 2008, vorgelegt von Matthias Helle, aus Fredersdorf (bei Belzig), Tag der Disputation:
  16. Juli 2008
³ Werders Rettungsärzte / PNN, Henry Klix, 03 08 2013 Seite 17 / Foto: AFP, Heimatverein

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